Reich verzierter silberner Tafelaufsatz mit bärtigem Flussgott, der ein Schiff aus Bergkristall stützt.

Der Tafelaufsatz „Vater Rhein“: Ein Prunkstück mit Aussage

Ein bärtiger Flussgott, ein Schiff aus Bergkristall und 65 Kilogramm Silber und Gold: Der Tafelaufsatz „Vater Rhein“ war Kölns glanzvoller Auftritt auf der Pariser Weltausstellung von 1900. Der Kölner Goldschmied Gabriel Hermeling schuf für die Weltausstellung ein Werk, das künstlerische Meisterleistung und politische Botschaft zugleich war. Ihr findet diesen Tafelaufsatz im Untergeschoss unserer Dauerausstellung, im Bereich „Was verbindet uns?“.

In welcher Zeit entstand der Tafelaufsatz „Vater Rhein“?

Der Zeitraum von 1870 bis 1900 wird von Historiker*innen gerne als Gründerzeit bezeichnet. Gemeint ist damit die Phase nach der Gründung des Deutschen Reichs.

In dieser Zeit etablierte sich der junge Nationalstaat, legte innere Konflikte bei und stieg zu einer Weltmacht auf. Die Zersplitterung in kleine Fürstentümer und Staaten, die im deutschsprachigen Raum lange Zeit herrschte, war damit beendet.

Die Gründung des Reichs war 1871 eine direkte Folge des deutsch-französischen Kriegs 1870/71, der den Norddeutschen Bund unter Führung Preußens und die süddeutschen Regionalmächte gegen einen gemeinsamen Feind vereinte.

Der grundlegende Konflikt mit Frankreich um die strategisch wichtigen Einflusssphären in Rheinland, Elsass und Lothringen blieb jedoch bestehen. Hinzu kamen Auseinandersetzungen unter den westlichen Großmächten über koloniale Einflussgebiete.

Diese politischen Auseinandersetzungen wurden auch auf wirtschaftlicher und kultureller Ebene ausgetragen. Prägend dafür waren die zahlreichen Weltausstellungen, die in Europa, Amerika und Australien stattfanden. Hier zeigten die beteiligten Staaten, zu welchen technischen und künstlerischen Fähigkeiten sie imstande waren, und nutzten die Kunstwerke so als Beleg ihrer nationalen Leistungsfähigkeit.

Ein Kölner Tafelaufsatz für die Weltausstellung in Paris

Für eine solche Weltausstellung – die in Paris 1900 – schuf der Goldschmied Gabriel Hermeling den Tafelaufsatz „Vater Rhein“.

Historisches Plakat der Pariser Weltausstellung von 1900 mit einer Frauenfigur in wehendem Gewand
Poster von der Weltausstellung in Paris (© Wikimedia Commons)

Die Kosten in Höhe von 61.000 Reichsmark trugen die Stadt Köln und Mitglieder der Kölner Bankiers- bzw. Unternehmerfamilien Deichmann und Joest.

Ebenso wie die noch recht junge deutsche Nation hatte auch die Stadt Köln einen hohen Repräsentationsanspruch und strebte danach, diesem bei der Weltausstellung Geltung zu verschaffen. Selbst der deutsche Kaiser Wilhelm II. – er war regelmäßig Kunde bei Hermeling – soll Einfluss auf die Darstellung genommen haben.

Ein Tafelaufsatz ist eine prunkvolle Tischdekoration, die für besondere Anlässe genutzt wird. Der „Vater Rhein“ gehört heute zum Kölner Ratssilber, wird jedoch nicht mehr für repräsentative Zwecke verwendet. Er ist mit einer Höhe von 123 cm und einem Gewicht von rund 65 kg das größte Einzelstück.

Der silberne Tafelaufsatz in ganzer Höhe, freigestellt vor dunklem Grund
Tafelaufsatz „Vater Rhein“, G. Hermeling, Köln 1900 (© KSM, Bednorz)

Gabriel Hermeling wollte ein herausragendes Kunstwerk schaffen, das alle verfügbaren Goldschmiedetechniken vereinte. Neben Gold- und Silberschmiedetechniken kamen vor allem feine Emaille-Arbeiten zum Einsatz, die Hermeling sich während seiner Ausbildungszeit in Paris angeeignet hatte.

Was ist auf diesem Tafelaufsatz alles „los“?

Auf dem Tafelaufsatz „wimmelt es“ nahezu von Figuren, Symbolen und kunstvoll gearbeiteten Details.

Die zentrale Figur ist der bärtige Flussgott Vater Rhein mit einem Ruder in der Hand. Mit der anderen stützt er ein großes Schiff aus Bergkristall in Form einer mittelalterlichen Karavelle, das mit der Flagge des Deutschen Reichs und dem Kölner Wappen geschmückt ist.

Ausschnitt des Tafelaufsatzes mit dem bärtigen Flussgott, der ein Ruder hält
Ausschnitt Tafelaufsatz (© KSM)
Ausschnitt des Tafelaufsatzes mit der Figur des deutschen Michel am Steuer des Kristallschiffs
Ausschnitt Tafelaufsatz (© KSM, Bednorz)

Am Steuer des Schiffs steht der deutsche Michel, eine im 19. Jahrhundert äußerst populäre Personifikation der deutschen Nation.

Im unteren Bereich finden sich weitere Figuren, die für das Rheinland wichtige Berufe darstellen. Zu sehen sind ein Dombaumeister, ein Edelmann, Handwerker, ein Bischof und ein Winzer.

Hermeling hatte seine Werkstatt seit den 1870er-Jahren zu einer der bedeutendsten Goldschmiedemanufakturen Deutschlands gemacht. Sie war besonders bekannt für ihre kunsthandwerklichen Spitzenprodukte, die von wohlhabenden Privatkunden, von Kirchen, aber auch von Kommunen wie der Stadt Köln für ihr Ratssilber erworben wurden.

Stilistisch orientierten sich Hermelings Kunstwerke am für die damalige Zeit prägenden Historismus, der Stile vergangener Epochen aufgriff.

Eine Zeit des Wandels und der Unsicherheit

Köln war Ende des 19. Jahrhunderts geprägt von Industrialisierung und großem Wachstum. Das Bild der Stadt änderte sich gravierend. Zwischen 1871 und 1900 verdreifachte sich die Bevölkerung Kölns.

Der jährliche Zuzug von zehntausenden Menschen aus dem Umland sorgte für gesellschaftliche Veränderungen. Alte Infrastrukturen wie die Stadtmauer wurden abgerissen, die Ringstraße entstand, Vororte wurden eingemeindet und neues Bauland erschlossen.

Auf der Suche nach historischer Identität

In dieser Zeit des schnellen Wandels wendeten sich die Menschen Dingen zu, die sie als erhaltenswert und dauerhaft betrachteten. Die Stadtgeschichte erlebte einen Boom, es wurden Museen und Geschichtsvereine gegründet und Denkmäler eingeweiht.

Auch der verstärkte Wunsch, Traditionen und Brauchtum zu erhalten, kann als Reaktion auf die Veränderungen verstanden werden. In der Kunst, aber auch im Denken und im allgemeinen Verständnis der Zeit spielten historische Vorbilder jetzt eine große Rolle.

Hermelings Tafelaufsatz greift nicht nur stilistisch historische Formen auf: Er enthält ganz im Sinne dieser Suche nach historischer Identität auch Darstellungen, die das Rheinland als deutsche Region festlegen und dies historisch begründen.

Im Fußbereich des Aufsatzes finden sich hinter den Figuren emaillierte Darstellungen von rheinischen Sagen und Legenden. Zu den wichtigsten und durch die Inszenierungen von Richard Wagner eng mit dem deutschen Nationalismus verbundenen Sagen gehören hier das Nibelungenlied, der Tannhäuser und der Lohengrin.

Ausschnitt des Sockels mit emaillierten Darstellungen rheinischer Sagen und Silberreliefs von Kirchen
Ausschnitt Tafelaufsatz (© KSM, Bednorz)

Weniger politisch aufgeladen, dafür mit einer großen Portion Nostalgie versehen ist hingegen die ebenfalls dargestellte Kölner Heinzelmännchen-Sage.

Auf dem Sockel oberhalb der Legenden sind Silberreliefs von wichtigen rheinischen Kirchen und Kathedralen zu sehen, darüber befinden sich vollplastische Darstellungen von mittelalterlichen Burgruinen entlang des Rheinlaufs. Diese Burgen und Kirchen gehörten damals zu den wichtigsten Zielen des boomenden Rheintourismus.

Die kleinen Figuren zu Füßen des bärtigen Flussgotts stehen symbolisch für die großen Nebenflüsse des Rheins wie Ahr oder Mosel.

Der Verweis auf die mittelalterlichen Bauwerke und Flüsse kann als Verweis auf die historische Verbindung von Rheinland und deutscher Nation interpretiert werden. Diese ist auch in Form von Flaggen, Wappen und dem deutschen Michel oben auf dem Schiff repräsentiert. Dass es so etwas wie die deutsche Nation im Mittelalter nicht gab und diese im 19. Jahrhundert erst nachträglich „konstruiert“ wurde, spielte für diese politische Aussage selbstredend keine Rolle.

Darum ist das Objekt für die Stadtgeschichte so wichtig

Der Tafelaufsatz „Vater Rhein“ ist ein einzigartiges und prachtvolles Kunstwerk, an dem sich gleichzeitig die Geschichte des deutschen Nationalismus erzählen lässt.

In unserer Dauerausstellung steht er im Ausstellungsbereich „Was verbindet uns?“ in einer rundum verspiegelten Vitrine. So kann man das Prunkstück von allen Seiten betrachten.

Der ästhetische Genuss wurde seinerzeit auch bei der Weltausstellung in Paris gewürdigt. Trotz der provokanten Darstellung erhielt Hermeling für sein Kunstwerk damals die Goldmedaille.

Der Tafelaufsatz mit seinen vielfältigen politischen Bedeutungen gehört zu den herausragendsten Goldschmiede-Objekten in der Sammlung des Stadtmuseums.

Häufige Fragen zum „Vater Rhein“

Was ist ein Tafelaufsatz?

Eine prunkvolle Tischdekoration für besondere Anlässe.

Wie groß und schwer ist der „Vater Rhein“?

Er ist 123 Zentimeter hoch und wiegt rund 65 Kilogramm.

Wofür wurde er geschaffen?

Für die Weltausstellung 1900 in Paris.

Wer finanzierte das Objekt?

Die Stadt Köln sowie Mitglieder der Familien Deichmann und Joest.

Warum ist das Werk politisch?

Es verbindet zum Beispiel Fahnen und Wappen des Deutschen Reichs mit rheinischen Sagen, Kirchen, Burgruinen und Landschaftsmotiven. So inszeniert der Aufsatz mit aufwendiger Goldschmiedetechnik das Rheinland als historisch deutsche Region.

Wo ist der „Vater Rhein“ heute zu sehen?

Er gehört zum Kölner Ratssilber und wird im Kölnischen Stadtmuseum in einer rundum verspiegelten Vitrine gezeigt.


Literatur

  • Roswitha Pollack: Historismus und Rheinromantik um 1900. Der Tafelaufsatz „Vater Rhein“ von Gabriel Hermeling aus dem Kölner Ratssilber, Köln 1980.
  • Carl-Wilhelm Clasen: Die Kölner Goldschmiede Hermeling, in: Beiträge zur rheinischen Kunstgeschichte und Denkmalpflege II, S. 263–278.
  • Werner Schäfke: Das Ratssilber der Stadt Köln, Köln 1980.
  • Sabine Spindler: Goldschmiede Hermeling. Mittelalterliche Moderne, in: Weltkunst Nr. 198 (2022), online (abgerufen am 16.07.2026).
  • Thomas Mergel: Köln im Kaiserreich (1871–1918). Geschichte der Stadt Köln, Band 10, Köln 2018.

Autor: Sascha Pries