
„Die lange Bauzeit des Kölner Doms“ oder „Der Dom, den es noch gar nicht gab“: Carl Georg Hasenpflugs Vision des Kölner Doms
Ein merkwürdiges Gemälde
Auf den ersten Blick scheint alles vertraut: Im warmen Abendlicht ragen die mächtigen Türme des Kölner Doms in den Himmel. Die Menschen davor sind winzig, ebenso die umliegenden Gebäude: Der Dom, wie wir ihn heute kennen.
Der Architekturmaler Carl Georg Adolph Hasenpflug (1802–1858) fertigte es im Auftrag eines Verwandten des damaligen Kölner Erzbischofs zwischen 1834 und 1836 an. Viele Monate malte er an diesem großformatigen Bild.
Moment? Zwischen 1834 und 1836? Ja, genau darin liegt das Rätsel.
In dieser Zeit sah der Kölner Dom noch vollkommen anders aus – der auf dem Gemälde linke Turm existierte noch gar nicht, der rechte war nur teilweise gebaut.
Der Kölner Dom und die wohl längsten Bauarbeiten Kölns
Zwischen der Grundsteinlegung und der Vollendung des Kölner Doms lagen mehr als 600 Jahre: Die Bauarbeiten hatten 1248 begonnen, wurden jedoch 1520 eingestellt. Die Gründe dafür lagen nicht zuletzt in der schlechten wirtschaftlichen Lage sowie in einer wachsenden Abneigung gegenüber einem als „unmodern“ empfundenen Baustils.

Der riesige Innenraum des Doms wurde notdürftig für den Gottesdienst nutzbar gemacht. Der mittelalterliche Baukran blieb auf dem unfertigen rechten Turm stehen – und geriet bald zum Wahrzeichen der Stadt.
Wie konnte Hasenpflug etwas malen, das noch nicht gebaut war? Und was haben Paris und ein Darmstädter Dachboden damit zu tun?
Die Antwort hängt mit einem kunstbegeisterten Kölner Kaufmannssohn zusammen, Sulpiz Boisserée. Er liebte mittelalterliche Kunst und beschäftigte sich intensiv mit dem unvollendeten Dom.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelangen ihm zwei außergewöhnliche Entdeckungen. In Paris fand er die eine Hälfte des mittelalterlichen Fassadenplans des Kölner Doms, auf einem Dachboden in Darmstadt die andere.
Boisserée ließ den Fassadenplan in Kupfer stechen und schuf damit die Grundlage für die Fertigstellung des Doms nach den alten Plänen!
Vom Bauplan zum Gemälde
Hasenpflug orientierte sich bei seinem Werk also an Boisserées Forschungen und Kupferstichen. Sein zwischen 1834 und 1836 entstandenes Gemälde ist eine – ziemlich detailgetreue – Zukunftsvision und nimmt ein Bauwerk vorweg, das damals nur in Plänen, Forschungen und Vorstellungen existierte.
Der Grundstein für den Weiterbau des Doms wurde erst 1842, also sechs Jahre nach der Fertigstellung des Gemäldes, gelegt. Bis zum Abschluss der Bauarbeiten dauerte es noch wesentlich länger, bis 1880 – 44 Jahre nach Hasenpflugs Bild.


Mit den beiden über 157 Meter hohen Türmen war der Dom damals das höchste Bauwerk der Welt.
Eine Reise in die Zukunft – und in die Vergangenheit

Das sieht man erst bei genauer Betrachtung: Hasenpflugs Werk schaut nicht nur in die Zukunft, sondern zugleich in eine – fantasierte – Vergangenheit. Rings um den Dom ist nicht das Köln des 19. Jahrhunderts zu sehen. Hasenpflug zeigt den Dom, wie er im Mittelalter ausgesehen hätte, wären die Bauarbeiten nicht abgebrochen worden. Mit Ausnahme der Domtürme sind alle Bauten auf Hasenpflugs Bild mittelalterlich; noch anders die Menschen: Die tragen die Mode des 16. Jahrhunderts.
Ist das Bild also Wahrheit oder Fantasie? Beides.
Die Architektur beruht auf historischen Plänen und auf den Forschungen Sulpiz Boisserées. Hasenpflug erfindet den Dom also keineswegs frei, sondern verwandelt jahrhundertealte Pläne in ein eindrucksvolles Versprechen. Gleichzeitig ist die dargestellte Stadtszene eine künstlerische Imagination.
Ein Gemälde mit vielen, vielen spannenden Details…
Häufige Fragen zu Carl Georg Hasenpflugs Gemälde des Kölner Doms
Wann malte Carl Georg Adolph Hasenpflug den Kölner Dom?
Carl Georg Adolph Hasenpflug malte seine Ansicht des vollendeten Kölner Doms zwischen 1834 und 1836. Zu diesem Zeitpunkt war der Dom noch längst nicht fertiggestellt.
Wie konnte Hasenpflug den Kölner Dom malen, obwohl er noch nicht fertig war?
Hasenpflug orientierte sich an den Forschungen und Kupferstichen von Sulpiz Boisserée. Dieser hatte Teile des mittelalterlichen Fassadenplans des Kölner Doms wiederentdeckt. Auf dieser Grundlage konnte Hasenpflug den Dom so darstellen, wie er nach den historischen Plänen einmal aussehen sollte.
Wer war Sulpiz Boisserée?
Sulpiz Boisserée war ein kunstbegeisterter Kölner Kaufmannssohn, der sich intensiv mit dem unvollendeten Kölner Dom beschäftigte. Er setzte sich gemeinsam mit anderen dafür ein, das mittelalterliche Bauwerk zu erhalten und weiterzubauen.
Wo wurden die mittelalterlichen Fassadenpläne des Kölner Doms gefunden?
Boisserée entdeckte eine Hälfte des mittelalterlichen Fassadenplans in Paris, die andere auf einem Dachboden in Darmstadt. Diese Funde waren eine wichtige Grundlage für die spätere Vollendung des Doms.
Wann wurde der Kölner Dom fertiggestellt?
Der Grundstein für den Weiterbau des Doms wurde 1842 gelegt. Abgeschlossen wurden die Bauarbeiten 1880 – Jahrzehnte nachdem Hasenpflug den vollendeten Dom bereits in seinem Gemälde dargestellt hatte.
Zeigt Hasenpflugs Gemälde das Köln des 19. Jahrhunderts?
Nein. Hasenpflug zeigt zwar den vollendeten Dom, versetzt ihn aber in eine fantasierte historische Stadtszene. Die umliegenden Bauten erscheinen mittelalterlich, und die dargestellten Menschen tragen Kleidung des 16. Jahrhunderts.


