Zu sehen ist ein Teil der Ausstellung, welche in den Emotionsfarben "rot" abgebildet ist.

Kölle, du bes e Jeföhl: Worauf haben wir Lust?

„Lust auf Leben. Lust auf Liebe! Lust auf Lust!“ Diese Textzeile der „Höhner“ gehört seit 1996 zu den „lustvollsten“ Kölner-Mitsing-Hymnen. Als Hochburg der Jeck*innen ist Köln überall für den karnevalistischen Frohsinn bekannt. Ob Karneval, Rotlicht oder Regenbogen: Köln gibt sich gerne lustbetont.

Aber auf was genau hatten die Menschen der Rheinmetropole in den vergangenen Jahrhunderten Lust? Davon erzählt ab März 2024 unsere neue Dauerausstellung!

Im Mittelalter ist Köln mit 40.000 Einwohner*innen für damalige Verhältnisse eine Großstadt. Entsprechend vielfältig sind die Feierlichkeiten, die hier regelmäßig stattfinden. Ob Ritterturniere, Karneval, Schützenfeste oder Prozessionen, in Köln wird gefeiert, was das Zeug hält.In der Anonymität der Großstadt lassen sich zudem eigene Bedürfnisse besser und freier ausleben als in den ländlichen Gebieten drum herum.

Ein erschreckender Einblick in die Haltung vieler Männer in den 1970er-Jahren: Stadtplan für Männer, M. Dülk, Köln 1972 (Repro) (KSM)

SEX UND MORAL

In Köln blüht schon immer die Prostitution. Prostituierte grenzt man aus, ihre Arbeit gilt als unmoralisch. Die Lust der männlichen Freier hingegen wird als „natürlich“ hingenommen. Die Sexarbeit wird durch die Zeiten bekämpft (2013 sammelt die Kölner Zeitschrift „Emma“ 10.000 Unterschriften für ein Prostitutionsverbot), doch sie ist bis heute nicht verboten. Mit dem „Pascha“ steht in Köln steht Europas angeblich größtes Bordell. Ein Hochhaus zwischen Bahngleisen abseits der Innenstadt-Gassen….

TOLERANT UND QUEER

Köln gilt heute als „Hauptstadt der Homo-Szene“ und setzt mit der Cologne Pride eines der größten Zeichen für Akzeptanz und Toleranz in der Bundesrepublik.

Zu sehen sind zwei Frauen auf dem CSD die sich küssen. Die linke Frau hat einen bemalten nackten Oberkörper.
CSD in Köln (Ibo Minssen, Porträt CSD, 1998 – 2004)

Das war nicht immer so: Noch bis 1980 werden in Köln homosexuelle Männer nach dem Paragraph 175 verfolgt. Ein Gesetz, dass die Nazis während ihrer Zeit noch verschärft hatten.

Prominentes Beispiel: Regierungspräsident Franz Grobben. Er wird 1966 auf einer öffentlichen Toilette am Waidmarkt aufgegriffen, die als Schwulen-Treffpunkt gilt. Die Boulevardpresse tobt. Grobben tritt zurück und verschwindet aus dem öffentlichen Leben.

Zu sehen ist der Eingang zu einer öffentlichen Herrentoilette. Das Bild ist schwarz-weiß.
Regierungspräsident Franz Grobben wird 1966 auf einer öffentlichen Toilette am Waidmarkt aufgegriffen, die als Schwulen-Treffpunkt gilt. Grobben tritt zurück und verschwindet aus dem öffentlichen Leben (HERREN-Schild der öffentlichen Toilette am Waidmarkt, Köln um 1955, KSM, Foto: RBA)

Bis heute erzählen ältere schwule Männer, wie sie zwischen Eigelstein und Ehrenfeld verfolgt und diskriminiert wurden. Es sind haarsträubende Erlebnisse, die leider auch viel mangelnde Toleranz offenbaren.

Doch dann folgen die „lustvollen Wunder“: In der Kölner WDR-Serie „Lindenstraße“ zum Beispiel heiratet mit Carsten Flöter und Theo Klages 1997 erstmals ein homosexuelles Paar im deutschen Fernsehen. Es ist ein mediales „Beben“, ein „TV-Skandal“. Von den einen gefeiert, von anderen verurteilt. Erst zehn Jahre später wird die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland gesetzlich verankert.

Zu sehen ist ein Teil der Besetzung der Lindenstraße.
Die in Köln produzierte WDR-Sendung Lindenstraße setzt 1997 ein Zeichen: mit Carsten Flöter und Theo Klages heiratet erstmals ein homosexuelles Paar im deutschen Fernsehen (Hochzeitsfoto (Requisite der Lindenstraße), Köln 2003, KSM)

Leider werden in der aktuellen Zeit wieder zunehmend tätliche und verbale Angriffe auf die „Szene“ registriert, die jenseits von Toleranz und friedlichem Nebeneinander liegen.

LIEBSCHAFTEN

Übrigens, auch der weltberühmte Giacomo Casanova gerät in Köln in ein lustvolles Abenteuer. Nach seiner Flucht aus Venedig findet der flirtende Frauenheld im Jahr 1760 zur Karnevalssession mit der attraktiven Ursula Columba zum Pütz eine neue heiße Liebschaft. Pikant dazu: Es ist die Frau eines der Kölner Bürgermeister. Verraten sei an dieser Stelle noch, dass damals das heiße Verhältnis unentdeckt bleibt. Amore op Kölsch!

Zu sehen ist ein Totenschild. Es ist eine kleine Figur, ähnlich einer Ritterabbildung.
Mit Maria Ursula Columba zum Pütz hatte Giacomo Casanova eine seiner vielen Liebschaften. Sie stirbt mit nur 33 Jahren (Totenschild von Maria Ursula Columba zum Pütz, Köln 1768, KSM, Foto: RBA).

EINE SPRACHE ZUM TRINKEN

Hoch die Gläser! Die Qualität des Wassers im Mittelalter ist schlecht, daher wird ihm oft (minderwertiger) Wein beigemischt, der „suure Hungk“ (saurer Hund) genannt wird.

Im Ratskeller dagegen wird laut alten Berichten besserer (und teurerer) Wein ausgeschenkt – wahrscheinlich in kleine Becher mit Kölner Wappen. Doch egal aus welchen Gefäßen, der damalige Wein wird lustvoll genossen.

Das heute berühmte „Kölsch“ entsteht erst nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist ein obergäriges Bier (zuerst aus der Sünner-Brauerei), das schnell schal wird. Getrunken wird es deswegen aus kleinen schmalen Gläsern, die ein schneller Köbes nach dem Austrinken immer rasch durch ein neues ersetzt.

Da der Begriff „Kölsch“ dem der kölschen Sproch entspricht, lacht man schnell darüber: „Wir haben die einzige Sprache, die man auch trinken kann!“

LUXUS NUR FÜR REICHE

Im Mittelalter besitzen die meisten Menschen höchstens einen einzigen Löffel. Der reicht für das Wenige, das es zu essen gibt, in der Regel Brei oder Suppen. Der Großteil der Bevölkerung kann nur neidvoll auf den lustvollen Luxus von Klerus und wohlhabender Geschäftswelt blicken.

Zu sehen ist ein Löffel aus Eisen mit einem kurzen Griff.
Die meisten Menschen besitzen im Mittelalter als Besteck nur einen Löffel (Löffel mit kurzem Griff, Köln um 1400, KSM, Foto: RBA)

Ab 1850 konnten sich wohlhalbende Kölner*innen beispielsweise auch mit Luxusgegenständen aus der ersten Kalker Porzellanfabrik einrichten.

Ein gutes Beispiel für diesen Luxus: das Schachspiel des Kölner Kurfürsten und Erzbischof von Königsegg-Rothenfels (1760/70) aus kostbaren Elfenbein-Figuren.

Zu sehen ist ein altes Schachbrett.
Dieses edle Schachbrett aus den 1760er Jahren gehört dem Kölner Kurfürsten und Erzbischof von Königsegg-Rothenfels. Die Figuren sind aus Elfenbein (Schachspiel, 1760/70, KSM. Foto: RBA)

SPIELE FÜR ALLE

Doch egal ob Klerus oder Volk: Die Lust auf’s Spiel ist und bleibt auf allen Ebenen gleich groß.

Die städtische Oberschicht unterhält sich im 15. Jahrhundert mit Ritterturnieren. Sie dienen der adeligen Selbstdarstellung und der Unterhaltung – und haben überwiegend weibliche Zuschauer. Eines der letzten Turniere dieser Art steigt 1486 zu Ehren König Maximilians auf dem Alter Markt. Dabei müssen die schwer gepanzerten Ritter auch unfreiwillig komisch gewirkt haben – ihre Bedeutung für den praktischen Kriegseinsatz hatten die schweren Rüstungen zu dieser Zeit längst verloren…

Eine Abbildung eines Ritterturniers.
Turnier auf dem Alter Markt, A. Braun, Köln 1620 (Repro), KSM, Foto: RBA)

Für Spaß sorgte früher aber auch der Rhein. Der damals viel langsamer fließende Strom ist noch keine ausgebaute Schifffahrtsstraße wie heute und friert in den kalten Wintern auf großen Flächen schnell komplett zu. Für die Schlitterpartie auf dem Rhein sind Schlittknochen für Kinder bis zum 19. Jahrhundert ein beliebtes Spielgerät. Kufen aus Metall werden erst später erfunden und sind u.a. ein Hit (hier!) im Kaufhaus Sauer.

Die Spiellust der Kölner*innen von damals ist natürlich längst auf dem Weg in die Zukunft. Die jährliche Spielemesse „gamescom“ beweist das gigantische Potential digitaler Formen und Entwicklungen. Im Jahr 2023 kamen über 320.000 Besucher*innen aus über 100 Ländern zum Fachsimpeln, Spielen und Handeln nach Köln.

Eine alte Spielekonsole mit Konsolenspielen.
1978 steigt die Firma Interton aus Köln-Holweide in den Videospielemarkt ein. Die VC 4000 ist die erste deutsche Spielekonsole (VC 4000 Videospielekonsole mit Spielen, Köln 1978/83, KSM, Foto: RBA).

Was in diesem Zusammenhang kaum noch jemand weiß: Die erste deutsche Spielekonsole kommt aus Köln. Sie ist ein Produkt der Firma Interton aus Holweide. Die VC 4000 soll dem Atari 2600 Konkurrenz machen. Mit 37 Spielen und einem Controller mit analogem Joystick ist sie zwar günstiger, aber weniger leistungsfähig als die Atari-Konsole. Dieses Kölner Abenteuer dauert bis zum internationalen Konsolen-Crash 1983. Das ist zwar das Ende eines Kölner Produkts, doch die Lust auf das Spielen geht ungebrochen weiter.

Und die Lust auf Lust sowieso…

Noch viel mehr Geschichten rund um das Thema Lust, Genuss und Spaß präsentieren wir ab dem 23. März 2024 im neuen Kölnischen Stadtmuseum – mitten im Herzen der Stadt. Wir schauen hier zum Beispiel auch auf die Kölner Clubkultur oder Besonderheiten der kölschen Küche!

Autor: Michael Bischoff