{"id":398,"date":"2021-10-13T18:04:19","date_gmt":"2021-10-13T16:04:19","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtmuseum.result.de\/?post_type=sammlung&#038;p=398"},"modified":"2023-10-24T09:59:15","modified_gmt":"2023-10-24T07:59:15","slug":"die-kuehnen-knaben-und-das-dumme-lied","status":"publish","type":"sammlung","link":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/sammlung\/alltagsobjekte\/die-kuehnen-knaben-und-das-dumme-lied\/","title":{"rendered":"Die k\u00fchnen Knaben und das dumme Lied"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-ksm-featured-image-page is-style-default\"><img decoding=\"async\" width=\"1260\" height=\"280\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Sammlung_Headerbild-1260x280.jpg\" alt=\"Man sieht einen gemalten Blick auf die alte Stadt K\u00f6ln.\" class=\"wp-image-2148\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Sammlung_Headerbild-1260x280.jpg 1260w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Sammlung_Headerbild-300x67.jpg 300w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Sammlung_Headerbild-1024x228.jpg 1024w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Sammlung_Headerbild-768x171.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Sammlung_Headerbild-1536x341.jpg 1536w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Sammlung_Headerbild-2048x455.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1260px) 100vw, 1260px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<h1 class=\"wp-block-heading\" id=\"die-kuhnen-knaben-und-das-dumme-lied\">Die k\u00fchnen Knaben und das dumme Lied<\/h1>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p><strong>Fast schon gegen Ende des ersten industriell betriebenen Krieges im noch so jungen 20.&nbsp;Jahrhundert erwarb das Museum am 18. Juni 1917 die vier Teller mit den Strophen des seinerzeit beliebten Liedes von Nikolaus Becker aus Geilenkirchen: \u00bbSie sollen ihn nicht haben\/ Den freien deutschen Rhein\u00ab \u2013 als wertfreies Dokument der Zeit? \u2013 oder zur patriotischen Aufr\u00fcstung des Betrachters?<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><img decoding=\"async\" width=\"634\" height=\"621\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/275__5901491_lo.jpg\" alt=\"Man sieht mehrere Teller mit Rheinliedversen.\" class=\"wp-image-1255\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/275__5901491_lo.jpg 634w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/275__5901491_lo-300x294.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 634px) 100vw, 634px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Vier Teller mit Versen aus dem Rheinlied,&nbsp;<\/strong>Ende des 19. Jahrhunderts.&nbsp;Fotos: rba_d033570 \u2013 rba_d033573<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Die Schrift ist angelehnt an die gotische Fraktur, das Dekor im Stil der Neorenaissance \u2013 die Teller entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Mit Strophen eines popul\u00e4ren Lieds waren sie die Zierde eines b\u00fcrgerlichen Haushalts. Ein harmloses Relikt der l\u00e4ngst vergangenen \u00bbguten alten Zeit\u00ab?<\/p>\n\n\n\n<p>Scheinbar harmlos nur. Denn die Verse haben es in sich. Sie zitieren das \u00bbRheinlied\u00ab von Nikolaus Becker, ver\u00f6ffentlicht im September und Oktober 1840 in Trier und K\u00f6ln in einer hochbrisanten Situation. Frankreich sah sich aufgrund eines Konfliktes im Orient diplomatisch gedem\u00fctigt und verlagerte sich auf ein anderes Thema: das Rheinland. In Pariser Zeitungen ert\u00f6nte 1840 der Ruf nach der Rheingrenze und somit der Annexion des Rheinlandes. Damit sind die \u00bbgierigen Raben\u00ab gemeint, die \u00bbsich heiser danach schrei\u2018n\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rheinl\u00e4nder aber bekannten sich zum \u00bbdeutschen Rhein\u00ab, getragen von einer Woge von Gedichten und Ges\u00e4ngen. Am popul\u00e4rsten war Beckers \u00bbRheinlied\u00ab. In Paris blieben \u00bbLes Rheinlieder\u00ab nicht ohne Echo. Der Dichter Alfred de Musset antwortete Becker mit \u00bbLe Rhin allemand\u00ab. Mit b\u00f6ser Ironie spielte er auf das ehemals franz\u00f6sische Rheinland an: \u00bbWir haben ihn gehabt, Euren deutschen Rhein\u00ab. Die Franzosen verzichteten auf eine Intervention, die Krise war beigelegt \u2013 nicht aber die Folgen dieses diplomatischen Fehlers: Beseitigt waren die Gegens\u00e4tze zwischen Rheinl\u00e4ndern und Preu\u00dfen, die jetzt nicht mehr als Besatzer, sondern als Besch\u00fctzer wahrgenommen wurden. Die Rheinkrise hatte einen von Frankreich untersch\u00e4tzten Aufschwung des deutschen Nationalismus zur Folge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Atmosph\u00e4re blieb aufgeheizt, Stimmen wie die von Heinrich Heine, der im Pariser Exil lebte und in Deutschland steckbrieflich verfolgt wurde, waren die Ausnahme. In \u00bbDeutschland. Ein Winterm\u00e4rchen\u00ab berichtete er 1844 von seinem Besuch in K\u00f6ln, wo er den Vater Rhein zu Wort kommen und sich \u00fcber Beckers \u00bbdummes Lied\u00ab beschweren lie\u00df, das die Sinne verwirrt habe. Im Vorwort provozierte Heine die Verteidiger des \u00bbdeutschen Rheins\u00ab: \u00bbSeid ruhig, ich werde den Rhein nimmermehr den Franzosen abtreten, schon aus dem ganz einfachen Grunde: weil mir der Rhein geh\u00f6rt. Ja, mir geh\u00f6rt er, durch unver\u00e4u\u00dferliches Geburtsrecht, ich bin des freien Rheins noch weit freierer Sohn, an seinem Ufer stand meine Wiege, und ich sehe gar nicht ein, warum der Rhein irgendeinem andern geh\u00f6ren soll als den Landeskindern.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00f6lner machten sp\u00e4testens seit dem Krieg gegen Frankreich 1870\/71 ihren Frieden mit den Preu\u00dfen und wurden kaisertreue Patrioten. Die \u00bbWacht am Rhein\u00ab erschallte beim Festzug zur Domvollendung 1880. Dem \u00bbErbfeind\u00ab Frankreich wollte man mit Waffengewalt begegnen. Ganz anders Georg Herwegh, der im nationalen \u00dcberschwang 1840 selbst ein \u00bbRheinweinlied\u00ab verfasst hatte (\u00bbDer Rhein soll deutsch verbleiben\u00ab). Er dichtete 1871 ern\u00fcchtert: \u00bbGleich Kindern lasst ihr euch betr\u00fcgen, \/ Bis ihr zu sp\u00e4t erkennt, o weh! \u2013 \/ Die Wacht am Rhein wird nicht gen\u00fcgen, \/ der schlimmste Feind steht an der Spree.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die vier Teller mit den denkw\u00fcrdigen Versen erwarb das Museum am 18. Juni 1917 vom K\u00f6lner Kunsth\u00e4ndler Alfred Werther f\u00fcr 36 Mark. Die im \u00bbRheinlied\u00ab beschworenen \u00bbk\u00fchnen Knaben\u00ab waren 1914 begeistert in den Ersten Weltkrieg gezogen, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Romantische Lieder wirkten wie Hohn in der H\u00f6lle aus Sch\u00fctzengr\u00e4ben und Granaten, in der die Jugend Europas ihr Leben lie\u00df. Das Jahr 1917 war von weltpolitischer Bedeutung: Deutschland betrieb die Revolutionierung Russlands, die USA traten in den Krieg ein. Zwei Superm\u00e4chte standen nun auf der B\u00fchne der Geschichte. Es war das Ende der alten Welt und des alten Europas.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Vier Teller mit Versen aus dem Rheinlied,Rheinland (?), Ende des 19.&nbsp;Jahrhunderts.&nbsp;Porzellan, bemalt, Dm:&nbsp;20\u201322,4&nbsp;cm.&nbsp;Aufschriften: HM&nbsp;1917\/77b: \u00bbSie sollen ihn nicht haben \/ Den freien deutschen Rhein, \/ So lang dort k\u00fchne Knaben \/ Um sanfte M\u00e4dchen frei\u2018n\u00ab,&nbsp;HM&nbsp;1917\/77c: \u00bbSo lang die Flosse hebet \/ Ein Fisch aus seinem Grund \/ So lang ein Lied noch lebet \/ In seiner S\u00e4nger Mund\u00ab,&nbsp;HM&nbsp;1917\/77d: \u00bbSie sollen ihn nicht haben \/ Den freien deutschen Rhein, \/ Ob sie wie gier\u2018ge Raben \/ sich heiser danach schrei\u2018n\u00ab, HM&nbsp;1917\/77a: \u00bbSie sollen ihn nicht haben \/ Den freien deutschen Rhein, \/ So lang sich Herzen laben \/ An seinem Feuerwein.\u00ab&nbsp;Ankauf von Alfred Werther, K\u00f6ln, 1917, f\u00fcr 36 Mark. Fotos: rba_d033570 \u2013 rba_d033573<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Autor: Dr. Mario Kramp<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast schon gegen Ende des ersten industriell betriebenen Krieges im noch so jungen 20.\u00a0Jahrhundert erwarb das Museum am 18. Juni 1917 die vier Teller mit den Strophen des seinerzeit beliebten Liedes von Nikolaus Becker aus Geilenkirchen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":1255,"parent":141,"menu_order":0,"template":"","class_list":["post-398","sammlung","type-sammlung","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","wpbf-post"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/sammlung\/398","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/sammlung"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/sammlung"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/sammlung\/398\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10903,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/sammlung\/398\/revisions\/10903"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/sammlung\/141"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1255"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}