{"id":9932,"date":"2023-06-15T15:50:36","date_gmt":"2023-06-15T13:50:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/?p=9932"},"modified":"2024-03-19T20:35:08","modified_gmt":"2024-03-19T19:35:08","slug":"200-jahre-koelner-karneval","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/200-jahre-koelner-karneval\/","title":{"rendered":"Spannender R\u00fcckblick auf 200 Jahre K\u00f6lner Karneval"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>KARNEVAL IN K\u00d6LN. Wie alles begann \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was f\u00fcr ein stolzes Jubil\u00e4um! Der Karneval in K\u00f6ln feiert sein 200j\u00e4hriges Jubil\u00e4um, und wir feiern noch immer mit: Das K\u00f6lnische Stadtmuseum pr\u00e4sentiert vom 2. Juni bis 30. Juli eine gro\u00dfe Geburtstags-Ausstellung. Die jecke Zeitreise entstand in Zusammenarbeit mit dem Festkomitee K\u00f6lner Karneval und unserem Gastgeber, dem benachbarten Museum f\u00fcr Angewandte Kunst. Also Alaaf und hinein \u2013 in eine urk\u00f6lsche Geschichte voller verbl\u00fcffender Details.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch wir m\u00fcssen erst einmal stark sein: In K\u00f6ln wurde der Karneval nat\u00fcrlich nicht erfunden, sondern nur erstmals neu \u201egeordnet\u201c. Der Begriff Carneval (also noch geschrieben mit C) kommt aus dem Italienischen und bedeutet \u201eCarne vale\u201c (auf Deutsch: \u201eFleisch lebe wohl!\u201c). Das bedeutet nach christlichem Glauben: Schluss mit lecker Fleischessen. 40 Tage vor Ostern beginnt die Fastenzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folge: Die Menschen wollen noch einmal richtig einen draufmachen. Das tun sie seit Jahrhunderten. Wild, ausgelassen und frech. So tobt sich der Carneval durch die Zeit. Nur nicht unbedingt immer zur Freude der Kirche und vor allem der Regierenden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"9855\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-99-1024x683.jpg\" alt=\"Blick in die Ausstellung\" class=\"wp-image-9855\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-99-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-99-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-99-768x513.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-99-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-99-487x325.jpg 487w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-99-620x414.jpg 620w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-99.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"9867\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-80-1024x683.jpg\" alt=\"Blick in die Ausstellung\" class=\"wp-image-9867\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-80-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-80-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-80-768x513.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-80-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-80-487x325.jpg 487w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-80-620x414.jpg 620w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-80.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"9873\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-103-1024x683.jpg\" alt=\"Ein Blick in die Ausstellung Karneval in K\u00f6ln\" class=\"wp-image-9873\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-103-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-103-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-103-768x513.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-103-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-103-487x325.jpg 487w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-103-620x414.jpg 620w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/z2023-06-01-ConstantinEhrchen-103.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-a89b3969 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-ksm-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/open.spotify.com\/episode\/2TKk06l0pXbkMtCj6mWss7\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">KARNEVAL IN K\u00d6LN jetzt auch in unserem neuen Podcast!<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><strong>REFORMDRUCK IN K\u00d6LN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht wie immer ums Geld! Denn wor\u00fcber sich die K\u00f6lner B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger erst gefreut haben, schl\u00e4gt wie ein b\u00f6ser Bumerang zur\u00fcck. Schuld sind die Preu\u00dfen: Die haben 1821 alle Abgaben auf \u00f6ffentliche Lustbarkeiten abgeschafft. Die eingesparten Steuergelder allerdings fehlen in K\u00f6ln schnell f\u00fcr die Finanzierung unter anderem von Kranken- und Waisenh\u00e4usern. Es m\u00fcssen neue Einnahmen her, und das m\u00f6glichst rasch.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem ist der fernen preu\u00dfischen Regierung schon l\u00e4nger das ungez\u00fcgelte (karnevalistische) k\u00f6lsche Feiern \u201eunheimlich\u201c. Wer Regierende verspottet, k\u00f6nnte aus Berliner Sicht auch politisch \u201egef\u00e4hrlich\u201c werden. Es drohen Feier-Verbote \u2013 und das wollen die K\u00f6lner unbedingt verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>So entsteht das k\u00f6lsche Angebot an die Machthaber in Berlin: Bitte erlaubt uns die uns fehlende \u201eUnterhaltungssteuer\u201c wieder. Wir versprechen daf\u00fcr im Gegenzug, den ungez\u00fcgelten Karneval am Rhein in \u201egeordnete\u201c Bahnen zu lenken. Damit wollen einflussreiche Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner die Preu\u00dfen beruhigen und mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denn die rheinischen Herren m\u00f6chten noch viel mehr! Sie leben in den Zwanzigern vor 200 Jahren, das ist die Hoch-Zeit der Romantik. Dabei werden alte Br\u00e4uche und Traditionen neu entdeckt und wiederbelebt. In diesem Geist stehen auch die Mitglieder der \u201eOlympischen Gesellschaft\u201c. Die beiden f\u00fchrenden K\u00f6pfe sind die Kaufleute und Sammler Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) und Matthias De Noel (1782-1849). Beide hoffen damit auch f\u00fcr sich und K\u00f6ln auf einen wirtschaftlichen Aufschwung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>DAS FESTORDNENDE COMIT\u00c9<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die traditionelle Herrenrunde gr\u00fcndet also das \u201eFestordnende Comit\u00e9\u201c und w\u00e4hlt Johann Heinrich Franz Anton von Wittgenstein (1797-1869) zum ersten Pr\u00e4sidenten. Der junge Mann stammt aus einer einflussreichen Bankiersfamilie. Zum besseren Einordnen: Sein Vater und auch Gro\u00dfvater waren bereits K\u00f6lner B\u00fcrgermeister. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Proklamation 1823 verfassen die Herren folgenden Text: \u201eDer in Teutschland einstens so ber\u00fchmte k\u00f6lnische Carneval soll durch das Zusammenwirken mehrerer Verehrer alter Volksth\u00fcmlichkeit in diesem Jahr durch einen allgemeinen Maskenzug erneuert und gefeiert werden.\u201c Das neue Comit\u00e9 verspricht au\u00dferdem, alle \u00dcbersch\u00fcsse aus den neu organisierten Karnevalsfeiern an die Armenverwaltung abzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>GELUNGENE JECKE PREMIERE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der zentrale H\u00f6hepunkt des Comit\u00e9s steigt am Rosenmontag, dem 10. Februar 1823 auf dem Neumarkt. Festgelegt wird damit f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Jahrhunderte: Der Zoch k\u00fctt ab jetzt immer am Montag vor Aschermittwoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Premiere hei\u00dft das Spektakel \u201eMaskenzug\u201c. Bereits dabei sind die Roten Funken, die Heilige Kn\u00e4\u00e4chte un M\u00e4gde sowie das Geckenb\u00e4hnchen. Der erste Prinz hei\u00dft damals noch \u201eHeld Carneval\u201c und ist der K\u00f6lnisch-Wasser-Fabrikant Emanuel Stefan Ciolina Zanoli. Er bleibt \u00fcbrigens f\u00fcr zehn Jahre im Amt.<\/p>\n\n\n\n<p>An seiner Seite steht anfangs noch Prinzessin Venetia. Zum Am\u00fcsement des Publikums dargestellt von einem Mann, dem Bankierschef Simon Oppenheim. Die Figuren von Jungfrau und Bauer sind zwar auch bald in den n\u00e4chsten Z\u00fcgen unterwegs, werden aber erst 1883 zur Einheit mit dem Prinzen zusammengef\u00fchrt. 1937 werden die drei dann ganz offiziell zum \u201eK\u00f6lner Dreigestirn\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zum ersten Zoch: Bereits um 9 Uhr morgens holt die \u201eFu\u00dfgarde\u201c den \u201eHeld Carneval\u201c von seiner Wohnung ab, zieht zum \u201eKaiserlichen Hof\u201c auf der Breite Stra\u00dfe und gegen 11 Uhr \u00fcber die Apostelnstra\u00dfe zum Neumarkt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"708\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/3_Rosenmontag-1836_rba_c016090-1024x708.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9701\" style=\"width:537px;height:371px\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/3_Rosenmontag-1836_rba_c016090-1024x708.jpg 1024w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/3_Rosenmontag-1836_rba_c016090-300x208.jpg 300w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/3_Rosenmontag-1836_rba_c016090-768x531.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/3_Rosenmontag-1836_rba_c016090-470x325.jpg 470w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/3_Rosenmontag-1836_rba_c016090-620x429.jpg 620w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/3_Rosenmontag-1836_rba_c016090-600x415.jpg 600w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/3_Rosenmontag-1836_rba_c016090.jpg 1100w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Cologne Rose Monday procession 1836 on the Neumarkt attributed to Simon Meister,<sub> K\u00f6ln 1836, KSM \u00a9 RBA <\/sub><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Fest steht: Die jecke Premiere gelingt! Der Zoch zieht zwei- oder dreimal \u00fcber den Neumarkt und wird lautstark bejubelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die heutigen Kamelle und Str\u00fcssjer gibt es dabei \u00fcbrigens noch nicht. \u201eDoch bereits ein Jahr sp\u00e4ter 1824 hatte man im Zoch einen Hofmedicus dabei. Der f\u00fchrte auf seinem Wagen eine gro\u00dfe Klistierspritze mit sich. Daraus schoss er Duftwasser und Blumen in die Menge\u201c, wei\u00df Johanna Cremer. Im Laufe der Zeit kommen Erbsen und Luftschlangen dazu. In den 1830er Jahren nimmt dabei der Dreck \u00fcbrigens so zu, dass das Festordnende Comit\u00e8 das Erbsenschie\u00dfen auf Druck der preu\u00dfischen Regierung eind\u00e4mmen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die beobachtenden preu\u00dfischen Abgesandten offenbar nicht wirklich mitbekommen: In den Wirtsh\u00e4usern rund um Alter- und Heumarkt hat zu diesem Zeitpunkt l\u00e4ngst wieder der z\u00fcgellose und unorganisierte Karneval begonnen. Nicht alle K\u00f6lner feiern also die historische Premiere auf dem Neumarkt. Der Grund: Sie k\u00f6nnen sich die \u201eMaskentickets\u201c gar nicht leisten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>KOST\u00dcMRAUSCH UND NEUE T\u00d6NE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Rollentausch geh\u00f6rt zum K\u00f6lner Karneval wie der Dicke Pitter zum Dom. Seit Jahrhunderten ist es das schamlose Treiben, das alle auf- und anregt: Der Bauer schl\u00fcpft in die Rolle des Priesters, und der Gottesmann wird zum Bettler.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch so wild geht es damals auf dem Neumarkt nicht zu: Mit dem Verkleiden harmloser H\u00e4ndler als Soldaten wird die Ordnungsmacht augenzwinkernd persifliert. Daf\u00fcr greift das Festordnende Comit\u00e9 auf Helme und Brustpanzer zur\u00fcck, die im Rathaus lagern. Noch kurioser: Auch die Ordnungsmacht macht mit. \u201eF\u00fcr den Umzug stellen die Preu\u00dfen auf Bitte der K\u00f6lner sogar Statisten zur Verf\u00fcgung. Es sind sogenannte Leihsoldaten\u201c, erz\u00e4hlt Johanna Cremer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reformer wollen aber noch viel mehr: Sie geben der Karnevalsmusik eine neue Rolle. So verfasst Samuel Schier als erster karnevalistischer Hofpoet 1823 das Lied \u201eThronbesteigung des Helden Carneval\u201c. Es folgen schnell weitere Songs und Melodien. Sie werden \u201eBellent\u00f6ne\u201c genannt und bei der Generalversammlung des \u201eFestordnenden Comit\u00e9s\u201c gesungen. Daraus gehen sp\u00e4ter die traditionellen Sitzungen hervor. Dazu geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch die neu eingef\u00fchrte \u201eB\u00fctt\u201c. Eigentlich die \u201eWaschb\u00fctt\u201c, in der schmutzige W\u00e4sche gewaschen wird. Erste Redner parodieren in ihr auf der B\u00fchne ab 1828 das Alltagsleben. Karnevalist Franz Raveaux nutzt ab 1843 die B\u00fctt f\u00fcr seine ersten politischen Satiren. Jetzt bekommen auch das Comit\u00e9, die Reichen und der K\u00f6lsche Kl\u00fcngel ihr \u201eFett weg\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den Nazis wird in den 1930er Jahren der K\u00f6lner Karneval erstmals f\u00fcr die Propaganda politisiert: Durch das Verbot von Travestie und Homosexualit\u00e4t ist ein Mann als Jungfrau untragbar. So installieren die NS-Ideologen 1938 mit der 19j\u00e4hrigen Paula Zapf aus Nippes die erste weibliche Jungfrau. Bei der Proklamation im G\u00fcrzenich wird sie mit donnerndem Applaus und Hochrufen gefeiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"745\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/7_Koelnische-Illustrierte-745x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9713\" style=\"width:317px;height:436px\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/7_Koelnische-Illustrierte-745x1024.jpg 745w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/7_Koelnische-Illustrierte-218x300.jpg 218w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/7_Koelnische-Illustrierte-768x1055.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/7_Koelnische-Illustrierte-237x325.jpg 237w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/7_Koelnische-Illustrierte-473x650.jpg 473w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/7_Koelnische-Illustrierte-600x824.jpg 600w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/7_Koelnische-Illustrierte-466x640.jpg 466w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/7_Koelnische-Illustrierte.jpg 1100w\" sizes=\"(max-width: 745px) 100vw, 745px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Das Verbot von Travestie und Homosexualit\u00e4t f\u00fchrte zur Einsetzung der ersten weiblichen Jungfrau w\u00e4hrend der NS-Zeit. K\u00f6lner Illustrierte Zeitung<sub>, K\u00f6ln 1938 K\u00f6lner Karnevalsmuseum \u00a9 KSM <\/sub><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Zoch sind antisemitische Mottowagen dabei. So beispielsweise 1934: \u201eDie letzten (Juden) ziehen ab\u201c. Und der unbeugsame Topstar der B\u00fctt, Karl K\u00fcpper, erh\u00e4lt 1939 von den Nazis sogar ein \u201elebenslanges Redeverbot\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>FESTE FEIERN UND VERDIENEN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch egal, wer in K\u00f6ln wie regiert: Die reichen B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen lieben ihre Maskenb\u00e4lle als gesellschaftliches Ereignis. Die sind bereits seit 1799 ein Hit und werden schon von der franz\u00f6sischen Besatzung toleriert. Mit dem neuen Karneval organisiert auch das Comit\u00e9 ein eigenes Fest. Das erste steigt bereits 1824 im G\u00fcrzenich \u2013 und entwickelt sich am Abend des Rosenmontags zu einem H\u00f6hepunkt des jecken Treibens. Die Veranstalter spekulieren bei ihren Ausgaben sehr geschickt: Durch die Einnahmen (als Eintritt gibt\u2019s Maskenball-Karten) finanzieren sie nicht nur den Ball, sondern auch den Zoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Geld regiert die Welt \u2013 und den Karneval. Neben allen Lustbarkeiten wird das jecke Treiben auch schnell zu einem finanziellen Erfolg: So vermieten Anwohner am Neumarkt schon beim zweiten Rosenmontagszug 1824 ihre Fenster privat an wohlhabende B\u00fcrger zum Zuschauen. Auf dem Markt entstehen bereits 1829 zum erfolgreichen Verkauf ein spezieller \u201eNarrentabak\u201c und ein \u201eKarnevalspapier\u201c. Aus ersten handgemachten Karnevalsorden werden zur Jahrhundertwende industriell gefertigte Prestige-Objekte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der K\u00f6lner Karneval wird auch immer touristischer: Am Rosenmontag 1866 z\u00e4hlt die Rheinische Eisenbahn bereits 16.907 Fahrg\u00e4ste, die extra zum Karneval nach K\u00f6ln fahren. Sie alle wollen hier nicht nur feiern, sondern nat\u00fcrlich auch Geld ausgeben f\u00fcr lecker essen, trinken und \u201eSouvenirs\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute hat sich der Karneval zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor der rheinischen Region entwickelt mit einem j\u00e4hrlichen Traumumsatz von rund eine halben Milliarde Euro.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AUS DER VERGANGENHEIT F\u00dcR DIE ZUKUNFT LERNEN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und wo steht der K\u00f6lner Karneval heute? \u201eWenn es um die Ausw\u00fcchse beim Feiern und Trinken geht, sind wir heute nicht viel weiter als vor 200 Jahren\u201c, gesteht Christoph Kuckelkorn, der Pr\u00e4sident des Festkomitees K\u00f6lner Karneval von 1823. \u201eWir m\u00fcssen den G\u00e4sten von au\u00dferhalb weiterhin verst\u00e4rkt unsere Tradition und Br\u00e4uche n\u00e4herbringen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was den obersten K\u00f6lner Jecken aber am meisten imponiert, das sind der Karneval und die Leidenschaft der K\u00f6lner selber: \u201eDie Durchdringung der Gesellschaft ist hier bei uns weltweit einzigartig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Christoph Kuckelkorn die Vergangenheit und Zukunft des Karnevals einordnet, und wie die Macherin Johanna Cremer die vielf\u00e4ltigen Aspekte des Karnevals zusammengestellt hat, das erfahrt ihr noch viel ausf\u00fchrlicher in unserem neuesten Podcast von Birgitt Schippers.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung pr\u00e4sentieren wir in der obersten Etage des Museums f\u00fcr Angewandte Kunst. Sie gliedert sich in elf spannende Kapitel, bietet speziell f\u00fcr Kinder ein Mitmachheft und einen ungew\u00f6hnlichen Chatbot, bei dem die Besucher und Besucherinnen direkt mit den Exponaten ins \u201eGespr\u00e4ch\u201c kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aufwendige Schau wird unterst\u00fctzt von den Freunden des K\u00f6lnischen Stadtmuseums e.V., der K\u00f6lner Kulturstiftung der Kreissparkasse K\u00f6ln, den Freunden und F\u00f6rderern des K\u00f6lnischen Brauchtums e.V. und der Privatbrauerei Gaffel.<\/p>\n\n\n\n<p>(Text: Michael Bischoff)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist das Lebensgef\u00fchl einer ganzen Region: der K\u00f6lner Karneval. 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