{"id":15184,"date":"2024-10-07T07:39:09","date_gmt":"2024-10-07T05:39:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/?p=15184"},"modified":"2024-10-07T07:39:10","modified_gmt":"2024-10-07T05:39:10","slug":"unscheinbarer-gesetzestext-erzaehlt-emotionale-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/unscheinbarer-gesetzestext-erzaehlt-emotionale-geschichte\/","title":{"rendered":"Unscheinbarer Gesetzestext erz\u00e4hlt emotionale Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Stadtgeschichte von allen f\u00fcr alle<\/h2>\n\n\n\n<p>Oft wird Geschichte entlang von ber\u00fchmten Menschen und Ereignissen erz\u00e4hlt. Das ist auch bei Stadtgeschichte meist nicht anders. Das K\u00f6lnische Stadtmuseum geht einen etwas anderen Weg: In der neuen Dauerausstellung soll die Vielfalt gezeigt werden, die die Domstadt ausmacht. Ein Museum von ALLEN f\u00fcr ALLE. Um dies zu erreichen, wurde von Beginn an auf Partizipation gesetzt: Eine bunt gemischte Gruppe aus K\u00f6lner*innen hatte im Rahmen von Workshops und Diskussionsrunden die M\u00f6glichkeit, sich bei der Konzeption der aktuellen Ausstellung einzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur mit ihren Ideen konnten sich die K\u00f6lnerinnen und K\u00f6lner einbringen, sondern jeweils auch mit einem pers\u00f6nlichen Exponat: Ein Gegenstand aus dem eigenen Leben, der besondere Bedeutung hat und eine Geschichte erz\u00e4hlt. Diese Alltagsgegenst\u00e4nde stehen nun zwischen den anderen, historisch bedeutsamen Exponaten der Stadtgeschichte und werfen kaleidoskopartig einen Blick auf das vielf\u00e4ltige Leben in K\u00f6ln. So auch der Gesetzestext von Samiha Guedri.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Energie und Entschlossenheit<\/h2>\n\n\n\n<p>Wir treffen uns im Museum, direkt vor dem Exponat von Samiha Guedri. Dort erz\u00e4hlt die dynamische und sympathische Frau, was es mit ihrem Ausstellungsst\u00fcck auf sich hat. Schon in den ersten Minuten des Gespr\u00e4chs f\u00e4llt auf, dass Samiha Guedri viel Energie und Entschlossenheit ausstrahlt. Die 37-j\u00e4hrige Juristin wirkt selbstbewusst und lebensbejahend. Ein Mensch, der mit beiden Beinen im Leben steht und stolz ist auf das, was er erreicht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob dieser Eindruck richtig sei, frage ich. \u201eJa, ich bin wirklich sehr stolz und zufrieden mit dem, was ich geschafft habe. Meine T\u00e4tigkeit als Juristin im \u00f6ffentlichen Dienst erf\u00fcllt mich sehr, ich bin froh, dort angekommen zu sein, wo ich gerade bin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, so erz\u00e4hlt die Tochter von tunesischen Einwanderern aus den 70er Jahren, der Weg bis hierher sei teilweise sehr hart gewesen. Vor allem der Beginn ihres Jurastudiums gestaltete sich f\u00fcr Samiha Guedri sehr schwierig: \u201eEigentlich fiel mir Lernen und Schule immer leicht. Ich war Klassensprecherin, mit Sch\u00fcler*innen und Lehrer*innen sehr gut vernetzt, alles kein Problem. Sie sei es gewohnt gewesen, in einer zwischenmenschlichen sehr angenehmen Atmosph\u00e4re zu lernen und dort ihre Leistungen zu erbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch mit dem Wechsel in die Universit\u00e4t gab es sp\u00fcrbare Ver\u00e4nderungen. &nbsp;Dabei freute sich die junge Abiturientin auf ihr Studium, denn sie wei\u00df schon lange, was sie machen m\u00f6chte: \u201eIch wollte schon Jura studieren, seit ich 14\/15 Jahre alt war. Das war immer mein Ziel. Das wusste ich immer schon und entsprechend habe ich mich gleich nach dem Abitur f\u00fcr das Jurastudium beworben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Konkurrenzdenken und Einzelkampf<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eDer Studienbeginn war sehr schwierig \u201c, berichtet Samiha. Besonders auff\u00e4llig: &nbsp;Menschen mit Migrationshintergrund waren in ihrem Semester eher die Minderheit. Daneben hatte sie viele Mitstudierende, die aus Akademiker- und oft auch aus Juristen-Familien stammten und deren berufliche Perspektive schon mehr oder weniger feststand. Sie geh\u00f6rte nicht dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kam, dass im Jura-Studium eine ganz andere Mentalit\u00e4t vorherrschte, als sie es in der Schule gewohnt oder aber in anderen Studieng\u00e4ngen die Regel war; weder Teamwork noch ein sonstiges Miteinander standen im Fokus. \u201eDu warst einfach eine Matrikelnummer\u201c, erinnert sich Samiha. Zwischen den Studierenden herrschte ein starker Konkurrenzkampf, man half sich wenig. So sei das Teilen der Lern-Unterlagen oder anderer hilfreichen Informationen eher eine Ausnahme, jeder habe wertvolles Wissen lieber f\u00fcr sich behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs war im ersten Semester eine f\u00fcr mich grauenhafte Stimmung, die an der Uni herrschte. Ich kam damit \u00fcberhaupt nicht zurecht. Ich f\u00fchlte mich unwohl, als w\u00e4re das nicht mein Weg. Damals habe ich den Glauben an mich selbst und meine Ziele fast verloren.\u201c &nbsp;Obwohl ihre fachlichen Leistungen passten und Samiha Guedri alle Klausuren bestand, f\u00fchlte sie sich von der Situation so abgeschreckt, dass sie aufh\u00f6ren wollte. Den anonymen und ziemlich rauen Umgang untereinander empfand sie als \u00e4u\u00dferst belastend. Sie sagt: \u201eIch war eigentlich schon so gut wie entschlossen, das Handtuch zu werfen und mein Studium zu beenden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Familie macht Mut<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eAn dieser Stelle hat mir meine Familie geholfen. Sie hat mich an meine Ziele erinnert und mir Mut gemacht, durchzuhalten und nicht aufzugeben\u201c, so die Juristin. Das habe sie ins Nachdenken gebracht. Sie habe dann entschieden, weiterzumachen, die Atmosph\u00e4re zu ignorieren, sich selbst und ihrer Art treu zu bleiben und weiter an sich zu glauben. Sie hat an ihrem Traum festgehalten: \u201eDer Gesetzestext \u201e\u00d6ffentliches Recht\u201c, der hier im Museum ausgestellt ist, erinnert mich an diesen Wendepunkt. Ich war in einer gro\u00dfen Krise, ich habe mich durch \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse demotivieren lassen und ich war kurz davor aufzugeben, aber ich habe weitergemacht. Ich habe u.a. f\u00fcr die Zwischenpr\u00fcfung im \u00d6ffentlichen Recht gelernt und bestanden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr sie, so erz\u00e4hlt Samiha Guerdi weiter, sei damit alles besser geworden. Es war, wie ein Knoten, der pl\u00f6tzlich geplatzt ist, eine Erleichterung. Sie habe aus diesem Erlebnis Kraft gesch\u00f6pft. Obwohl sie immer mal wieder harte Phasen im Studium gehabt habe, so zum Beispiel w\u00e4hrend der Vorbereitungszeit zum ersten&nbsp; Staatsexamen, sei sie nie wieder ins Wanken gekommen. Alles Zweifel waren erledigt, ihr Ziel sei ab dieser Krise immer klar gewesen. \u201eDer Beck-Text \u201e\u00d6ffentliches Recht\u201c steht f\u00fcr mich deshalb nicht f\u00fcr etwas Negatives, sondern f\u00fcr den Neubeginn, den Glauben an mich selbst und die \u00dcberzeugung vom&nbsp; Erfolg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Stolz auf ihr Exponat<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie es sich denn anf\u00fchle, mit so einer pers\u00f6nlichen Geschichte in einem Museum ausgestellt zu sein. Samiha lacht. \u201eDas ist toll\u201c, sagt sie und es mache sie stolz. Manchmal sei sie zwar etwas wehm\u00fctig, ihren f\u00fcr sie so wichtigen Text abgegeben zu haben. Aber sie sei sehr froh, dass sie Anderen durch diese Geschichte Mut machen und ihre Erfahrungen auf diese Weise teilen k\u00f6nne. \u201eMein Ziel ist es, dass die Besucher*innen des Museums den Fokus auf den positiven Aspekt meiner Geschichte richten \u2013 es geht nicht darum, wie \u201edramatisch\u201c und schlimm das alles f\u00fcr mich war, sondern um die positive Entwicklung, der starke Glaube an mich selbst und die unumst\u00f6\u00dfliche Entschlossenheit, die sich daraus ergeben hatten; es geht darum, dass ich sehr wahrscheinlich \u2013 davon bin ich \u00fcberzeugt \u2013 gerade durch und wegen dieses Tiefpunktes meinen ganz pers\u00f6nlichen H\u00f6hepunkt erreicht habe. Damit m\u00f6chte ich die Menschen motivieren!\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGleich bei der Er\u00f6ffnung war ich mit einer meiner Schwestern, Yosra Guedri, hier. \u201c Und auch die anderen Familienmitglieder und verschiedene Freund*innen h\u00e4tten ihren Besuch im Museum schon angek\u00fcndigt, einige seien schon hier gewesen. Sie komme gern hierher, vor allem weil die Ausstellung insgesamt wirklich gelungen sei.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eModern und \u00fcberhaupt nicht angestaubt\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Samiha Guedri ist froh, Teil des Partizipationsprojektes gewesen zu sein. \u201eEs war eine tolle Erfahrung\u201c, erz\u00e4hlt sie. \u201eDie Teilnehmer*innen der Gruppe waren alle komplett unterschiedlich, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb haben wir uns super verstanden und toll zusammengearbeitet. Wir konnten uns alle einbringen und an allen Stationen mitarbeiten. Jeder konnte individuell sein Engagement bestimmen, es wurde niemals Druck oder Stress gemacht. Gleichzeitig herrschte von Beginn an eine vertraute Atmosph\u00e4re und jeder brachte ein unglaubliches Ma\u00df an Empathie f\u00fcr den anderen und seine Geschichten mit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der neuen Dauerausstellung des K\u00f6lnischen Stadtmuseums sei es gelungen, Stadtgeschichte spannend, modern und inspirierend zu erz\u00e4hlen. Das Museum sei wirklich sch\u00f6n geworden, das allgemeine Image oder Klischee von \u201eangestaubten Museen\u201c sei damit definitiv pass\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDurch meine Arbeit und sonstige Verpflichtungen bin ich sehr eingespannt und gehe inzwischen viel zu selten in Museen. Dabei ist das etwas so Tolles. Ich habe jedenfalls vor, hier im K\u00f6lnischen Stadtmuseum in Zukunft immer mal wieder vorbeizukommen und mir nat\u00fcrlich auch andere Ausstellungen anzuschauen. Ich finde, das lohnt sich.\u201c<\/p>\n\n\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten Stock des K\u00f6lnisches Stadtmuseums findet man in einer Vitrine ein etwas abgenutztes Buch. Welche hoch emotionale Geschichte verbirgt sich hinter diesem Ausstellungsst\u00fcck?<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":15186,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[84],"tags":[],"class_list":["post-15184","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausstellung-emotionen","wpbf-post"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15184","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15184"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15184\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15190,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15184\/revisions\/15190"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15184"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15184"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15184"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}