{"id":11179,"date":"2024-01-22T16:18:25","date_gmt":"2024-01-22T15:18:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/?p=11179"},"modified":"2024-07-01T20:03:27","modified_gmt":"2024-07-01T18:03:27","slug":"koelle-du-bes-e-jefoehl-was-macht-uns-wuetend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/koelle-du-bes-e-jefoehl-was-macht-uns-wuetend\/","title":{"rendered":"K\u00f6lle, du bes e Jef\u00f6hl: Was macht uns w\u00fctend?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Es ist kein sch\u00f6nes Gef\u00fchl! Wenn die Wut in uns hochkocht. Wenn es in uns brodelt. Wenn das Herz rast und der Blutdruck steigt. Wenn wir vielleicht laut schreien m\u00f6chten. Wenn wir um uns schlagen k\u00f6nnten. Oder wenn wir dabei pl\u00f6tzlich ganz ruhig werden, gef\u00e4hrlich ruhig. Viel zu ruhig\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nat\u00fcrlich versuchen wir Menschen t\u00e4glich dieses intensive Ur- Gef\u00fchl im Griff zu halten. Das ist eine entscheidende Regel in dem zivilen, friedlichen Miteinander einer Demokratie. Doch manchmal muss sie auch raus, diese unb\u00e4ndige Wut. Gegen Ungerechtigkeiten im pers\u00f6nlichen Umfeld, politische Intrigen, Gewalt, Mord, Krieg. Gegen so viel. Dabei k\u00f6nnen ungeahnte Kr\u00e4fte freigesetzt und sogar gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen erreicht werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In unserer neuen Dauerausstellung schauen wir uns auch diese Frage \u201eWas macht uns w\u00fctend\u201c an \u2013 vom Mittelalter bis heute!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full is-resized is-style-default\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-2.jpg\" alt=\"Ein Streikplakat der KVB. Die Schrift ist gro\u00df und rot.\" class=\"wp-image-13239\" style=\"width:800px\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-2.jpg 1024w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-2-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-2-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-2-487x325.jpg 487w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-2-620x414.jpg 620w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Beim \u201aKVB-Streik\u2018 kommt es zu massiven Auseinandersetzungen mit der Polizei. F\u00fcr viele K\u00f6lner*innen ist diese Demo der Beginn ihrer Politisierung (Plakat als Aufruf zum KVB-Streik, K\u00f6ln 1966 (Repro, KSM, Foto: RBA)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es ist ein Powergef\u00fchl, vor dem viele Politiker Angst haben. Dabei sind die K\u00f6lner*innen in der Regel eigentlich um Ausgleich bem\u00fcht, hei\u00dft es immer. Wirklich? Dass das keineswegs immer der Fall ist, erleben die Verantwortlichen der K\u00f6lner Verkehrsbetriebe (KVB) und der Politik beispielsweise in den 1960er-Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn was zu viel ist, ist zu viel. Immer mehr Knete f\u00fcr wenige Kilometer durch die Stadt. Als die KVB ihre Fahrpreise im Jahr 1966 um satte 52 Prozent erh\u00f6hen wollen, kommt es zum Eklat. Rund 7000 junge Leute aus den Schulen und Universit\u00e4ten laufen Sturm gegen diese Ungerechtigkeit. Bei den Demos kn\u00fcppelt die Polizei sie r\u00fccksichtslos von den Gleisen und Stra\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele der damaligen Demonstrant*innen erinnern sich heute noch sehr lebhaft daran. An Freistunden daf\u00fcr in der Schule, an heftige Diskussionen \u00fcberall, an Aufruhr. F\u00fcr die meisten ist dies der Beginn ihrer Politisierung. Die Wut auf die Politik w\u00e4chst.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">HOHE STEUERN UND WAHLRECHT<\/h2>\n\n\n\n<p>Und es gibt viel mehr Beispiele: Preis- und Steuererh\u00f6hungen haben schon beispielsweise 1820 f\u00fcr Aufregung gesorgt: Damals f\u00fchrt die preu\u00dfische Regierung die Mahl- und Schlachtsteuer ein. Vor allem die unteren Schichten leiden unter den hohen Preisen von Mehl, Brot und Fleisch. Tun dagegen k\u00f6nnen sie kaum etwas. Um die Wut der armen Menschen nicht noch mehr zu steigern, verzichtet die K\u00f6lner Politik 27 Jahre sp\u00e4ter auf die Einfuhrsteuer von Wild.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full is-resized is-style-default\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-1.jpg\" alt=\"Ein Gem\u00e4lde, welches viele verschiedene Menschen zeigt. Sie scheinen verzweifelt.\" class=\"wp-image-13233\" style=\"width:800px\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-1.jpg 1024w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-1-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-1-487x325.jpg 487w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-1-620x414.jpg 620w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die 1820 eingef\u00fchrte Mahl- und Schlachtsteuer verteuert Mehl, Brot und Fleisch. Dies trifft vor allem untere Schichten (Die Erhebung der Schlacht- und Mahlsteuer, W. Kleinenbroich, K\u00f6ln 1847, K\u00f6ln, Foto: RBA)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Doch die Wut der Massen brodelt weiter. Mit der Industrialisierung wachsen Not und Elend in der immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4ndern k\u00f6nnen sie aber noch nichts: Erstens gibt es noch ein Dreiklassenwahlrecht, das die \u00c4rmeren deutlich benachteiligt, und Frauen d\u00fcrfen ohnehin keine Stimme abgeben. Der Kampf um den gesellschaftlichen politischen Wandel wird noch lange dauern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full is-resized is-style-default\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-3.jpg\" alt=\"Das Gem\u00e4lde zeigt mehrere Personen, die an einem Galgen h\u00e4ngen. Die Stimmung und die Farben des Bildes sind d\u00fcster.\" class=\"wp-image-13243\" style=\"width:800px\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-3.jpg 1024w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-3-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-3-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-3-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-3-487x325.jpg 487w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-3-620x414.jpg 620w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Am 25. Oktober 1944 werden in der Ehrenfelder H\u00fcttenstra\u00dfe elf aus Polen und der Sowjetunion stammende Zwangsarbeiter erh\u00e4ngt. Der Maler Bert May ist Augenzeuge (Die Geh\u00e4ngten, B. May, K\u00f6ln 1945 (KSM, Foto: RBA)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">MACHT UND REICHTUM<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine andere K\u00f6lner Geschichte: Im Jahre 1074 jagen die K\u00f6lner Kaufleute ihren Erzbischof Anno w\u00fctend aus der Stadt. Der Kirchengr\u00fcnder und Machtpolitiker hatte zuvor nicht nur mit harter Hand regiert, sondern dann auch noch das Schiff eines Kaufmanns beschlagnahmen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wut dreht sich sp\u00e4ter leider um: Als der Erzbischof nach dem \u201eAnno-Aufstand\u201c mit milit\u00e4rischer Verst\u00e4rkung in die Stadt zur\u00fcckkehrt, verh\u00e4ngt er drakonische Strafen. Es ist genau dieses letzte Mittel aller Machthaber, das oft so w\u00fctend macht.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie auch die Hinrichtungen des NS-Regimes. Beispielhaft daf\u00fcr steht die Ermordung von elf polnischen und russischen Zwangsarbeitern am 25. Oktober 1944 in der Ehrenfelder H\u00fcttenstra\u00dfe. Allein in K\u00f6ln fallen dieser Willk\u00fcr mehr als 2000 Menschen zum Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wut in K\u00f6ln hat also reichlich Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized is-style-default\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-sektflasche-1024x683.jpg\" alt=\"Zwei Sektflaschen. Beide sind leer. Auf der rechten Flasche steckt der Korken.\" class=\"wp-image-11580\" style=\"width:800px\" srcset=\"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-sektflasche-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-sektflasche-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-sektflasche-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-sektflasche-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-sektflasche-487x325.jpg 487w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-sektflasche-620x414.jpg 620w, https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ksm-beitrag-wut-sektflasche.jpg 1100w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Herstatt-Bank beteiligt sich an riskanten Spekulationen. Im Juni 1974 kommt es \u2013 kurz nach Iwan D. Herstatts (Pr\u00e4dikatssekt-Flasche, Hochheim\/K\u00f6ln 1973 (K\u00f6ln, Foto: RBA)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">BANKENPLEITEN UND SKANDALE<\/h2>\n\n\n\n<p>Auch das \u201eliebe\u201c Geld sorgt immer wieder f\u00fcr Skandale. Als die K\u00f6lner Herstatt-Bank 1974 wegen leichtfertiger Spekulationen vor der Pleite steht, versammelt sich die w\u00fctende Kundschaft vor dem Geb\u00e4ude. Drinnen und drau\u00dfen wird hei\u00df diskutiert. Doch haben die Banker daraus gelernt? Wohl kaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Oppenheim-Esch-Skandal wird 2008 das Ende einer \u00fcber 200j\u00e4hrigen gro\u00dfen Bankgeschichte eingel\u00e4utet. Das Geldinstitut wird im Jahr 2009 erst an die Deutsche Bank verkauft und anschlie\u00dfend sang- und klanglos geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem Mittelalter wird in K\u00f6ln geschachert sowie betrogen, und dann das Ganze mit dem feinen Wort \u201eKl\u00fcngel\u201c wunderbar \u00fcberdeckt. Viel Unrecht macht deswegen bis heute zurecht w\u00fctend. Die Aufz\u00e4hlung von allen Vorf\u00e4llen w\u00e4re an dieser Stelle wahrscheinlich endlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar davon haben die Journalisten Christian Maiwurm und Jochen Fischer von 1976 bis 1981 in der \u201eK\u00f6lner Wochenschau\u201c verewigt. Bei ihnen geht es um regionale Themen wie Rheinverschmutzung, die Abholzung vom Hambacher Forst oder Wohnungsnot.<\/p>\n\n\n\n<p>Klingt doch erschreckend aktuell, oder?<\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<p>Autor: Michael Bischoff<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kein sch\u00f6nes Gef\u00fchl! Wenn die Wut in uns hochkocht. Was macht uns alles w\u00fctend? 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