{"id":10359,"date":"2023-09-06T16:29:38","date_gmt":"2023-09-06T14:29:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/?p=10359"},"modified":"2024-03-01T14:50:09","modified_gmt":"2024-03-01T13:50:09","slug":"was-marktforschung-und-museen-gemeinsam-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/was-marktforschung-und-museen-gemeinsam-haben\/","title":{"rendered":"Was Marktforschung und Museen gemeinsam haben"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unsere stellvertretende Direktorin Silvia R\u00fcckert im Gespr\u00e4ch mit dem Marktforschungsinstitut EARSandEYES<\/h3>\n\n\n\n<p>Die qualitative Marktforschung mit ihren ethnografischen Forschungsans\u00e4tzen hat die Aufgabe, Verst\u00e4ndnis von Motiven, Einstellungen, Bed\u00fcrfnissen und Verhaltensweisen einer Zielgruppe zu generieren und daraus Handlungsableitungen f\u00fcr den Instituts-Kunden zu entwickeln. Ethnologie oder auch V\u00f6lkerkunde im musealen Kontext hat fast die identische Aufgabe, n\u00e4mlich das Leben von bestimmten Gruppierungen im Gro\u00dfen wie im Kleinen, wie zum Beispiel die multikulturellen Gruppen der Bev\u00f6lkerung einer Stadt und deren Sichtweise zu verstehen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Interview mit der gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Direktorin des K\u00f6lnischen Stadtmuseums, Silvia R\u00fcckert, sprach mit dem Marktforschungsinstitut EARSandEYes dar\u00fcber, warum Menschen und Museen sammeln, was ein Museum in ethnologischer Hinsicht leisten kann und (nat\u00fcrlich auch) \u00fcber den K\u00f6lner Karneval.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-ksm-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/www.earsandeyes.com\/blog\/was-marktforschung-und-museen-gemeinsam-haben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hier geht&#8217;s zum Originalinterview auf dem Blog von EARSandEyes<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><strong>Frau R\u00fcckert, Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln sind die Hauptaufgaben eines Museums, um der Nachwelt etwas \u00fcber Menschen, Gruppierungen und V\u00f6lker sagen zu k\u00f6nnen. Wie entscheiden Sie, was Wert ist zu sammeln, um daraus R\u00fcckschl\u00fcsse auf Einstellungen, Bed\u00fcrfnisse und Verhaltensweisen einer bestimmten Gruppe zu gewinnen?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nun, wir sind ein Stadtmuseum, deshalb sammeln wir Objekte, die unmittelbar mit der Geschichte unserer Stadt K\u00f6ln zu tun haben und mit denen wir Geschichte(n) erz\u00e4hlen. Diese Narrative haben fast immer mit Menschen zu tun. Und K\u00f6ln ist mentalit\u00e4tsgeschichtlich eine faszinierende Metropole. Die K\u00f6lner:innen sind zum Beispiel gepr\u00e4gt von tiefer Fr\u00f6mmigkeit, den modernen Franzosen, die 1794 einzogen und K\u00f6ln wirtschaftlich und kulturell zum Bl\u00fchen brachten, den Preu\u00dfen, denen man Ordnung und Disziplin zuschreibt und dar\u00fcber hinaus hatten die K\u00f6lner:innen schon immer ihren \u2013 ich nenn es mal &#8211; Eigensinn und ihren rheinischen Frohsinn.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Sammlung hei\u00dft das, dass wir beispielsweise Objekte f\u00fcr religi\u00f6se Rituale im Bestand haben und weil die Stadtgesellschaft sehr heterogen ist, nat\u00fcrlich auch Exponate jenseits des Katholizismus. Wir besitzen aber auch Zeitzeugnisse aus der kurzen, aber f\u00fcr K\u00f6ln sehr pr\u00e4genden Franzosenzeit, wie zum Beispiel den&nbsp;<em>Code Civil<\/em>, der in der neuen Dauerausstellung zu sehen sein wird, wie auch die erste Ausgabe der in K\u00f6ln verlegten Zeitschrift&nbsp;<em>Emma<\/em>, die kulturhistorisch gesehen f\u00fcr die Emanzipation der Frau in ganz Deutschland eine gro\u00dfe Rolle spielte. Das K\u00f6lnische Stadtmuseum sammelt nicht nur Objekte aus der Vergangenheit, sondern auch Zeitdokumente, die durchaus mit den verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen und deren Bed\u00fcrfnisse zu tun haben, wie etwa Transparente verschiedener Demonstrationen. Ausschlaggebend ist nicht der materielle, sondern der ideelle Wert und das Narrativ, das damit verbunden ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6ln steht f\u00fcr ein lebendiges und buntes Stadtleben und ist sogar, anders als im Rest der Republik, mit f\u00fcnf Jahreszeiten gesegnet. Dieser f\u00fcnften Jahreszeit, dem Karneval, haben Sie Mitte des Jahres in Ihrem Haus eine Ausstellung in Kooperation mit dem Festkomitee K\u00f6lner Karneval von 1823 e. V. gewidmet. W\u00fcrden Sie sagen, dass Karnevalisten ein eigenes V\u00f6lkchen sind und sich eine ethnografische Forschung lohnen w\u00fcrde?&nbsp;<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unbedingt! Die Karnevalistinnen und Karnevalisten verdienen es im positiven Sinne unter die Lupe genommen zu werden. Der Rheinische Karneval wurde im \u00dcbrigen mit all seinen lokalen Varianten am 16. M\u00e4rz 2015 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Karneval war fr\u00fcher wild und anarchisch, ohne Regeln. Bevor das n\u00e4rrische Treiben, dass den Preu\u00dfen, die 1815 in K\u00f6ln Einzug hielten und denen dieses Brauchtum nicht ganz geheuer war, verboten werden konnte, gr\u00fcndeten die K\u00f6lner 1823\/24 das&nbsp;<em>Festordnende Komitee<\/em>, um den Karneval in geordnete Bahnen zu lenken.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Kulturanthropologisch k\u00f6nnte man sagen, dass der Karneval eine lebendige Tradition ist, die Gemeinschaft und Identit\u00e4t schafft. Das sp\u00fcrt man in K\u00f6ln sehr stark. Ich kenne keine andere Stadt, die von ihren Einwohner:innen in diesem Ausma\u00df geliebt wird, egal ob es gerade gut oder schlecht l\u00e4uft in der Stadt. Diese Partnerschaft von Identit\u00e4t und Gemeinschaft ist zun\u00e4chst einmal ein positives Gef\u00fchl, kann aber auch zu negativen Erscheinungen und Ausw\u00fcchsen wie dem Kl\u00fcngel f\u00fchren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In unserer Eigenstudie \u201eWas sammeln die Deutschen\u201c konnten wir feststellen, dass es eigentlich nichts gibt, was nicht gesammelt wird. Was denken Sie, steckt dahinter, dass Menschen Dinge sammeln und teilweise viel Geld f\u00fcr ihre Sammelleidenschaft ausgeben?&nbsp;&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Interessante Frage. Es ist ja oft so, dass wir schon in der Kindheit mit dem Sammeln anfangen und unsere Sch\u00e4tze in kleinen Kistchen bewahren &#8211; einfache Dinge, die uns interessieren, meistens erst einmal, ohne dass ein Konzept dahintersteckt. Es stellt sich die Frage, ob das mit dem Menschen als J\u00e4ger und Sammler zusammenh\u00e4ngt. Wom\u00f6glich erforschen wir so unsere Umgebung und basteln uns, in dem wir anfangen, Dinge zu ordnen und in einen Kontext zu stellen, unser eigenes Bild von der Welt, die uns umgibt. Wir lernen dadurch auch zu vergleichen, indem wir Kriterien aufstellen und bewerten. Sicherlich spielen auch das Besitzen und das Beherrschen, das Streben nach Vollst\u00e4ndigkeit ebenfalls eine Rolle. Man tauscht sich mit Gleichgesinnten aus und sammelt Expertenwissen und in manchen F\u00e4llen auch materiellen Besitz. Ohne gro\u00dfe Sammler g\u00e4be es keine Museen und keine Zeitzeugnisse aus der Vergangenheit. Vielleicht ist im Unterbewusstsein verankert, dass wir Dinge f\u00fcr die Nachwelt aufheben sollten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was kann ein Museum in ethnologischer Hinsicht leisten, um vergangene Verhaltensweisen f\u00fcr die Zukunft zu nutzen?&nbsp;&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir forschen, vergleichen, leiten ab, erarbeiten Argumentationsketten und schauen, wie wir all die Erkenntnisse in neue Konzepte einbringen. Unsere neue Dauerausstellung, die im Herbst 2023 er\u00f6ffnet wird, besch\u00e4ftigt sich beispielsweise mit Emotionen. Was lieben wir? Was hassen wir? Was macht uns Angst? Was verbindet uns? Insgesamt stellen wir acht Fragen an die Vergangenheit und kommen in der Gegenwart wieder raus. Unser Kuratorenteam hat den historischen Teil erarbeitet. In einem sogenannten Reflexionsbereich haben wir mit einer sehr heterogenen Gruppe (Alter, Geschlecht, Religion etc.) zu jeder Frage Workshops durchgef\u00fchrt. Alle Teilnehmer:innen haben ein Exponat aus ihrem Leben ausgew\u00e4hlt und ihre pers\u00f6nliche Geschichte damit erz\u00e4hlt. Bei diesem partizipativen Projekt kam heraus, dass die Freude, \u00c4ngste oder Hoffnungen oftmals sehr \u00e4hnlich sind wie zum Beispiel Angst vor Krankheiten oder die Liebe zur Musik. Durch Beobachtung, Partizipation und Mut zur Transformation sind Museen gewappnet Erfahrungen aus der Vergangenheit in die Gegenwart und auch in die Zukunft zu katapultieren.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und wie sieht es in Museen mit der Zielgruppenanalyse aus?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend fr\u00fcher einige Wissenschaftler:innen die Angebote wie Ausstellungen und Publikationen oftmals f\u00fcr sich selbst und\/oder f\u00fcr ihre Fachgruppe gemacht haben, spielt die Marktforschung eine immer gr\u00f6\u00dfer werdende Rolle. Fr\u00fcher unterschied man eindimensional nach Zielgruppen, heute hingegen besch\u00e4ftigt sich die Forschung &#8211; auch im kulturellen Sektor &#8211; mit Persona, mit fiktiven, aber konkreten Idealkunden, die nicht den durchschnittlichen, sondern spezifische Museumsbesucher:innen repr\u00e4sentieren. Anhand von \u201eVisitor Journeys\u201c werden die individuellen und situativ unterschiedlichen Ber\u00fchrungspunkte und Verhaltensweisen zwischen dem Museum und den verschiedenen Persona vor, w\u00e4hrend und nach dem Besuch eruiert. Im Museum k\u00f6nnen das durchaus mehrere verschiedene Profile sein, die es sich lohnt zu betrachten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem kann man sagen, dass die Besucher:innenforschung in den Museen zwar schon lange l\u00e4uft, aber noch viel Luft nach oben hat. Vor dem Hintergrund, dass die Gesellschaft einem stetigen Wandel unterliegt und dass das Rezeptionsverhalten der Besucher:innen sich st\u00e4ndig \u00e4ndert, m\u00fcssen wir immer wieder neue Fragen an die Geschichte stellen, neue Narrative erz\u00e4hlen und uns neuen Herausforderungen stellen. Wir m\u00fcssen vor allem Transformationen als Chance f\u00fcr ein modernes Museum begreifen und sollten die Ver\u00e4nderungen nicht als Ballast sehen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abschlie\u00dfend noch eine pers\u00f6nliche Frage: Von was sind Sie leidenschaftliche Sammlerin?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich sammle nichts Gegenst\u00e4ndliches. Ich liebe es mit inspirierenden Menschen zu reden und zu reisen. Ich sauge Kultur und andere Kulturen auf.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Interview wurde gef\u00fchrt von Simone Heitmann von EARSandEYES<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere stellvertretende Direktorin Silvia R\u00fcckert im Gespr\u00e4ch mit dem Marktforschungsinstitut EARSandEYES<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":11461,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[83],"tags":[],"class_list":["post-10359","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-museum-inside","wpbf-post"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10359","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10359"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10359\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11466,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10359\/revisions\/11466"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11461"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10359"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10359"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.koelnisches-stadtmuseum.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10359"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}