Noch alle Tassen im Schrank?

Diese Porzellantasse mit dem schlichten Brustporträt eines Geistlichen gehört zu den frühen Zeugnissen von Tourismusware und Massenkitsch. Erst die Inschrift verrät, wer dargestellt ist: Johannes von Geissel – Zur Erinnerung an d[en] 23ten Juni 1842. Damit erhält die Tasse eine (kirchen)politische Brisanz: 1837 war der Vorgänger von Geissels, der Kölner Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering, wegen der Spannungen mit der preußischen Regierung um die Frage interkonfessioneller Ehen verhaftet worden, der Stuhl des Kölner Erzbischofs war vakant.

<strong>Tasse mit Porträt von Erzbischof von Geissel, </strong>1842. <br />Foto: rba_d033516
Tasse mit Porträt von Erzbischof von Geissel, 1842.
Foto: rba_d033516

Ob Neuschwanstein in der Schneekugel, der Papst als Wettermännchen oder der Kölner Dom als Zigarettenanzünder: Die Andenkenläden dieser Welt sind voll von Massenware und Kitsch. Was wir für eine Erscheinung des Massentourismus unserer Tage halten, hat eine lange Tradition. Schon die Pilgerzeichen des Mittelalters dienten nicht nur religiösen Zwecken, sondern ganz profan auch der Erinnerung an den Besuch der heiligen Stätte. Im 19. Jahrhundert schließlich wurden in Massen Andenken produziert, bei denen alltägliche Gebrauchs- oder Schmuckgegenstände wie Schnupftabakdosen, Blumenvasen oder eben Teller, Gläser und Tassen mit einem Abbild oder einer Form verknüpft wurden, die an ein wichtiges Ereignis, eine prominente Persönlichkeit oder eine Sehenswürdigkeit erinnerten. Das Souvenir erhielt den Charakter einer Trophäe im Sinne eines »Ich war da(bei)« als Selbstbestätigung und für die Umwelt. Die kunstgewerbliche Produktion nahm – nicht zuletzt durch den beginnenden Tourismus – einen großen Aufschwung.

Ob aus der Tasse mit dem Porträt des Kölner Erzbischofs jemals getrunken wurde, ist fraglich. Womöglich stand sie neben anderen lediglich zur Dekoration in einem Vitrinenschrank eines bürgerlich-katholischen Haushalts.

Wieso erinnert aber die Tasse mitsamt Untertasse laut Inschrift an den Kölner Erzbischof Johannes von Geissel im Zusammenhang mit dem 23. Juni 1842? Das entsprechende Ereignis ist aus heutiger Sicht alles andere als spektakulär: Von Geissel hatte Bonn besucht und verließ an diesem Tag wieder die Stadt. Nun hatte ein Bischofsbesuch an den verschiedenen Orten einer Diözese einen völlig anderen Stellenwert als heute und wurde als festliches Ereignis begangen. Von Geissels Bonner Aufenthalt war nach seinem Amtsantritt in Köln sein erster Besuch außerhalb der Bischofsstadt und ist zudem vor dem Hintergrund der damaligen kirchenpolitischen Situation zu sehen.

Vorangegangen waren die »Kölner Wirren«, bei denen sich an der Mischehenfrage sowie der Aufsicht über die Bonner Theologenfakultät ein Konflikt zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat entzündet hatte. Höhepunkt war 1837 die spektakuläre Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, wodurch die Leitung des Erzbistums Köln faktisch verwaist war. Die Lösung des Konfliktes zog sich in zähen Verhandlungen zwischen der preußischen Regierung und der römischen Kurie bis 1842 hin. Am Ende wurde von Geissel, seit 1837 Bischof von Speyer, für das Erzbistum Köln zum Koadjutor mit dem Recht der Nachfolge bestellt; er trat dieses Amt am 4. März 1842 an. Erst nach dem Tod von Droste (1845) konnte von Geissel auch formell Erzbischof von Köln werden. Mit dem Amtsantritt 1842 waren die Kölner Wirren beigelegt, und so- wohl bei der preußischen Regierung als auch bei weiten Teilen der Katholiken machte sich Erleichterung breit. Kein Wunder also, dass der Besuch von Geissels im Juni 1842 in Bonn besonders feierlich begangen wurde. Am Vorabend seiner Abreise bereiteten die Bonner dem Koadjutor einen eindrucksvollen Fackelzug, und am 23. Juni verließ er unter Geläut aller Glocken die Stadt. An diesen glänzenden Bonn-Besuch von Geissels sollte die Tasse die Zeitgenossen und Nachwelt erinnern.

Von Geissel, bis 1864 im Amt, regierte ausgesprochen autoritär und ging mit unerbittlicher Strenge, ja kompromissloser Härte vor. Kirchenpolitisch agierte er hingegen maßvoll und verstand es, Konflikte mit dem Staat zu vermeiden. Als unbestrittene Leitfigur im deutschen Episkopat erhielt von Geissel als erster Kölner Erzbischof 1850 die Kardinalswürde verliehen – wie seitdem und bis heute fast alle Kölner Erzbischöfe.

 

Tasse mit Porträt von Erzbischof von Geissel und Untertasse, Bonn (?), 1842, Aufschriften: »Johannes von Geissel«; »Zur Erinnerung an d[en] 23ten Juni 1842«, Porzellan, Tasse Dm: 11 cm, H: 9 cm, Untertasse Dm: 16,5 cm, Inv.-Nr. HM 1910/21 a + b. Ankauf von Wilh. Leufgens, Köln, 1910 für 25 Mark. Foto: rba_d033516 


Autor: Dr. Joachim Oepen

 

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