Kostbares Relief und schweres Gemüt

Das kostbare Elfenbeinrelief in schwerem Holzrahmen zeigt eine barocke Baldachinarchitektur mit Wappen, geistlichen Insignien wie bischöfliche Mitren und Stäbe und militärischen Herrschaftszeichen. In der Mitte erkennbar ist ein Pelikan, der seine Jungen mit seinem Blut füttert. In der christlichen Ikonographie wird der Pelikan mit Christus gleichgesetzt, der durch seinen Tod am Kreuz die Menschen von ihren Sünden befreit hat. Mit diesem Motiv wollte der Auftraggeber des Reliefs, der Kölner Kurfürst Clemens August von Bayern (1700 bis 1761), seine eigene Opferbereitschaft für seine fünf Bistümer und für seine weltlichen Funktionen betonen. Die melancholische Stimmung dieses an ein Epitaph erinnernden Kleinkunstwerkes steht in Verbindung mit einem persönlichen Verlust, den Clemens August 1733 erlitten hatte: Sein engster Berater und Freundes Johann Baptist von Roll war bei einem Duell getötet worden.

<strong>Elfenbeinrelief mit Wappen und Putten</strong>, um 1736. Foto: rba_d033514_01
Elfenbeinrelief mit Wappen und Putten, um 1736. Foto: rba_d033514_01

Auf weitere Forschungen wartet dieses feine Elfenbeinrelief, das über 100 Jahre in den Depots unseres Museum geschlummert hat. Es war Teil der Kunstsammlung des Wismarer Architekten Helmuth Brunswig (ca. 1830–ca. 1898), die 1899 im Kölner Kunsthaus Lempertz versteigert wurde. Brunswig hat in Wismar eine neugotische Mittelschule, sein Wohnhaus am Markt und in Boltenhagen die kleine St. Pauluskirche gebaut. Die Provenienzermittlung hilft jedoch nicht, das Relief zu entschlüsseln.

Eingepasst in einen schweren und tiefen Rahmen aus Ebenholz, ziehen zwei Putten den Vorhang des von einem Kurhut bekrönten Baldachins auf. In der Mitte des Bildfeldes sitzt auf einem als Dornenkrone geflochtenen Nest ein Pelikan, der die Brust öffnet, um seine drei Jungen mit seinem Blut zu füttern. Links werden eine liegende und eine auf einem Kurhut stehende Mitra als Repräsentanten der geistlichen Macht, dazu zwei Bischofsstäbe und ein Vortragekreuz sichtbar. Rechts symbolisieren ein Helm, ein Pfeil, ein Schwert und eine liegende Kanone die militärischen Zeichen weltlicher Macht.

Die etwas ungelenk in die feine Arbeit eingegrabene Inschrift in Großbuchstaben will zweispaltig gelesen werden, damit sich ihr Sinn erschließt: »Zeige mir noch einen / Clemens an // der solche Treu für / sein Land gethan«. Das über dem Pelikan zu sehende Wappen bestätigt die Angaben im Verkaufskatalog Lempertz: »Allegorie auf Kurfürst Clemens August von Köln«. Sein Profilporträt über dem Wappen ist nur schemenhaft erkennbar.

Clemens August von Bayern (1700–1761) war schon früh für eine Karriere als geistlicher Fürst bestimmt: 1719 wurde er Bischof von Paderborn und von Münster, 1723 Erzbischof von Köln, 1724 Bischof von Hildesheim, 1728 Bischof von Osnabrück und zuletzt Hochmeister des Deutschen Ordens (1732). In seinem Bischofswappen sind alle seine fünf Bistümer – diese brachten ihm den Spitznamen »Herr von Fünfkirchen« ein – sowie das Hochmeisterwappen und sein Wittelsbacher Hauswappen in einem Schild vereinigt. In den frühen Jahren wechselt nur die Anordnung. Auf dem Wappen unseres Reliefs bleiben jedoch alle Wappenschilder selbstständig. Die Anordnung ist ungewöhnlich, ja einmalig unter den Wappen von Clemens August: Sie entspricht exakt der Gruppierung von sieben identifizierbaren kreisrunden Wappen auf der Liborius-Gedenkmedaille von 1736. Diese war anlässlich der aufwändig begangenen Festlichkeiten zum 900-jährigen Jubiläum der Reliquientranslation des Liborius von Le Mans nach Paderborn unter der Schirmherrschaft von Clemens August geprägt worden. Damit ist auch unser Relief auf 1736 datierbar.

Die Datierung erklärt auch die an ein Epitaph mit Nachruf erinnernde elegische Grundstimmung. Eine depressive Gemütslage prägte Clemens August wenige Jahre nach dem Tod seines Freundes, Ministers und wichtigen Beraters Johann Baptist von Roll bei einem Duell 1733. Aus Furcht um das Seelenheil des Freundes bat der Kölner Kurfürst die Franziskanerin Crescentia Höß von Kaufbeuren noch jahrelang um Rat und Trost. Bei dem Bildhauer Paul Egell lässt er um 1735 zeichnerische Entwürfe für ein Grabmal (heute im Wallraf-Richartz-Museum) – wahrscheinlich sein eigenes – anfertigen. Den Pelikan als Sinnbild der opferbereiten Liebe Christi für die Menschen wird Clemens August auf sein eigenes Leben und sein Schicksal bezogen haben. Wie die genaueren Umstände der Entstehung des Reliefs waren und wer aus dem Umfeld der Hofkünstler diese feine Elfenbeinarbeit geschaffen hat, werden künftige Forschungen zu klären haben.

 

Unbekannt: Elfenbeinrelief mit Wappen und Putten, um 1736. Elfenbein, Ebenholz-Rahmen, m. R. H: 39,5 cm, B: 42,5 cm, T: 9 cm, Relief ca. 10 x 15 cm. Inv.-Nr. HM 1899/114. Ankauf bei Lempertz 1899 aus dem Nachlass Helmuth Brunswigs. Foto: rba_d033514_01


Autor: Dr. Bettina Mosler

 

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